Tätigkeitsbericht 2000


Tätigkeitsbericht Orpheus Trust Vereinsjahr 2000


Auf Grund des fortgeschrittenen Alters unserer Hauptinformanten hatten Forschung und Dokumentation 2000 höchste Priorität. Die Ergebnisse dieser Forschungsaktivitäten bilden die Grundlage der laufenden Vermittlungs- und Veranstaltungstätigkeit und stehen der Öffentlichkeit zur Verfügung.

o Die Anzahl der in der Personendatenbank verzeichneten vertriebenen und verfolgten Musikschaffenden hat sich auf über 3700 Personen erhöht und damit fast verdoppelt (Stand zu Beginn des Jahres: 1900 Personen)
o Die Werkdatenbank enthielt mit Jahresende über 6000 Werke von vertriebenen und verfolgten Komponisten
o Während Forschungsaufenthalte in sowie mit Personen, die sich in Wien aufhielten, konnten über 140 'oral-history-Interviews geführt werden
o Die Inventarisierung und Archivierung des Notenmaterials im Nachlass Fritz Spielmanns wurde
o Aus dem Fritz Spielmann Fonds wurden Projektstipendien vergeben
o Auf Anfragen an Datenbank und Archiv, ebenso oft aus eigener Initiative, wurden Informationen an Interessenten weitergeleitet
o In 22 Koproduktionen und Eigenveranstaltungen wurde verfolgte und vergessene Musik der Öffentlichkeit vorgestellt
o Der Mitgliederstand hat sich mit Jahresende 2000 auf 327 zahlende
ordentliche und außerordentliche Mitglieder erhöht

1. Forschung und Dokumentation

Quellensammlung, Datenbank
'oral history'-Interviews
Nachlässe
Archivbestände
Personendatenbank eingearbeitet und führten zu einer Erweiterung auf 3700 Personen und zu einer Reihe von neuen Kontaktpersonen, die im Lauf dieses Jahres interviewt werden sollen. Die Zahl der von der Werkdatenbank erfassten Kompositionen erhöhte sich auf 6000.

Homepage

Publikation

Nachlass Fritz Spielmann

Fritz Spielmann Fonds
Der mit Mitteln der Erben Fritz Spielmanns, Moshe H. Jahoda und Walter Mark Gregory, und des Kulturamtes der Stadt Wien eingerichtete Fonds vergab im Jahr 2000 folgende Projektförderungen:
.

Archiv
Die Archivbestände sind im vergangenen Jahr deutlich angewachsen: sowohl die Handbibliothek als auch die Sammlung der Tonaufnahmen (Tonbänder und CD's, Schallplatten) wurden stark vergrößert. Diese Bestände, wie auch das Notenmaterial, Videos, Aufnahmen der Vortragsreihe und Hörfunkfeatures konnten vollständig inventarisiert werden; eine Inventarisierung und fachgerechte Archivierung der Originalbestände (mit Ausnahme des Nachlass Fritz Spielmanns, der sich im Literaturhaus befindet) steht noch aus. Wertvolle Sachspenden erhielten wir u.a. von .
100 Dat-Kassetten mit Interviews, sowie ihre schriftliche Transkriptionen befinden sich im Archiv.

2. Orpheus Trust als 'Informationsdrehscheibe': praktische Anwendung der Forschungsergebnisse

Die Vermittlungstätigkeit des Orpheus Trust fand auch heuer wieder ihren 'systematischen' Niederschlag - an 550 Musikveranstalter im deutschsprachigen Raum erging das jährliche 'Veranstaltermailing'. Darin waren Namen von 150 Dirigenten, Solisten und Ensembles angeführt, die Werke von 'Exilkomponisten' in ihrem Repertoire haben und mit dem Orpheus Trust in Verbindung getreten sind. Dieses Veranstaltermailing ist eine unentgeltliche Serviceleistung des Orpheus Trust mit dem Ziel, Künstler, die sich für Musik von Exilkomponisten einsetzen, zu promoten.
Der Orpheus Trust verfügt mittlerweile über ein großes Netz an Informanten in Österreich und im Ausland, die uns aktiv mit Informationen versorgen (z.B. Celia Male, London, Diana Mittler-Battipaglia, New York) und auch von uns mit Informationen versorgt werden (z.B. Arbeitsgruppe Exilmusik Hamburg).

Auf über 350 Anfragen zu Musikschaffenden und ihren Werken, aber ebenso oft auch aus eigener Initiative, wurden Informationen an andere Institutionen (z.B.), Exilmusikforschenden (z.B.), Veranstalter (z.B. Komponisten aus Galizien an Benno Schnatz, IME, Bonn), Interpreten (z.B.), andere Interessenten (z.B.) und Medien () weitergegeben. Ebenso stellte der Orpheus Trust Leihgaben für Ausstellungen sowie Tonaufnahmen (z.B. ) und Notenmaterial (z.B. ) zur Verfügung.
Regelmäßige Termine mit Interpreten und Musikveranstaltern, aber auch mit Schülern, Studenten, Diplomanden und Dissertanten, die Archivmaterial, Programmvorschläge und Datenbankausdrucke erhalten, sowie die Korrespondenz mit Exilanten und Informanten gehören zum Alltag des Orpheus Trust

Auf Anregung des Orpheus Trust wird der Dirigent Julius Rudel aus New York im August ein Konzert im Rahmen des Wiener Sommerfestivals 'Klangbogen' dirigieren.

3. Koproduktionen und Eigenveranstaltungen

Im Jahr 2000 wurden 22 Veranstaltungen und Koproduktionen durchgeführt.

4. Zur finanziellen Situation

Das Budget des Jahres 1999 (ohne Fritz Spielmann Fonds) betrug rund öS 1 Mio., davon stammten ca. 80% (öS 790.000,--) aus Projektfinanzierungen der Stadt Wien und des BKA.Kunst. Eine Basisfinanzierung (Personalkosten, Infrastruktur) wurde trotz der Empfehlungsschreiben vieler Mitglieder und Exilanten abgelehnt. Genausowenig wurde die Forschungs- und Vermittlungstätigkeit im Jahr 1999 von der öffentlichen Hand unterstützt, die Transkription der Tonbandinterviews, aber auch Neuanschaffungen wie Fax/Telephongerät, Sachbücher und Tonaufnahmen mussten daher aus privaten Mitteln aufgebracht werden, die Forschungstätigkeit unbezahlt geleistet werden.

Der Verein Orpheus Trust hatte mit Jahresende 2000 327 ordentliche und außerordentliche Mitglieder, heute beträgt der Mitgliederstand 330.
Leider sind einige unserer Mitglieder im vergangenen Jahr verstorben:

Mit den Mitgliedsbeiträgen und zusätzlichen Spenden in Höhe von öS 84.500,- konnten Büromiete, Telefon, Fax und Forschungsreisekosten finanziert werden. Die restlichen Mittel rekrutierten sich aus Rück- und Nachzahlungen für 1998, Konzerteinnahmen, Einnahmen aus Buch- und CD-Verkauf und Beiträgen von Mitveranstaltern.
Für die vielschichtige Tätigkeit des Orpheus Trust stellte die Finanz- und in der Folge vor allem die Personalausstattung (neben Primavera Gruber mit der Musikethnologin Elfriede Hitter, eine für Archiv, Buchhaltung und Vereinsadministration zuständige 13-Wochenstunden-Mitarbeiterin) einen eklatanten Missstand dar, der im Jahr 2000 endgültig behoben werden muss. Ein minimales Ar-beitsteam sollte aus fünf Personen (2 für Veranstaltungen und Öffentlichkeits-arbeit, 2 für Forschung und Dokumentation, eine Person für die Bereiche Da-tenbankeingabe, Vermittlung und Vereinsadministration) bestehen.


5. Vorschau

Ein erster Schritt in diese Richtung wurde mit einer großzügigen Unter-stützung für die Erforschung verfolgter und aus Österreich vertriebener Musik gesetzt, die wir Beginn dieses Jahres vom ehemaligen US-Botschafter Ronald S. Lauder und The American Austrian Foundation erhielten. Ein Teil dieser Förderung wird der Einrichtung einer Homepage und der Erstellung eines neuen Folders dienen, ebenso besteht dringender Bedarf an einem Laptop und einer Buchhaltungshilfe.

Forschung
Langfristig dient die Arbeit an der Datenbank auch der Publikation eines Lexikons; Verlagsangebote gibt es bereits, aber die Forschungsfinanzierung fehlt. Im Sommer fand ein Treffen bezüglich einer Vernetzung der Datenbanken im Bereich der Exilforschung auf Initiative des IWK statt - auch hier mußten wir darauf hinweisen, daß unser grundsätzliches Interesse engstens mit der praktischen Durchführbarkeit, insbesonders also mit der Finanzierung der Forschung und Dokumentation zur Fertigstellung der Datenbank, verknüpft ist.
Für die Fertigstellung einer Publikation mit Lebensgeschichten aus Israel, die Regina Thumser und ich im Zuge des Forschungsprojektes 1998 sammeln konnten, zwecks zusätzlicher Archivrecherchen in Israel für einen einleitenden theoretischen Teil, erhielt der Orpheus Trust eine großzügige Unterstützung aus der Forschungsabteilung der Claims Conference. Das positive Gutachten von Prof. Yehuda Bauer, Leiter von Yad Vashem in Jerusalem, hat uns natürlich ganz besonders gefreut, hörten wir doch inoffiziell aus dem BMfWuV, daß unsere Aktivitäten nicht als Forschung zu betrachten wären bzw. es sei doch alles ohnehin schon erforscht.
Beide Förderungen kamen durch Vermittlung von Moshe H. Jahoda zustande, der als Cousin Fritz Spielmanns unsere Arbeit und die mangelnde Unterstützung durch die öffentliche Hand in Österreich genau verfolgen konnte. Wir möchten uns hiermit ganz besonders bei Herrn Jahoda, der heute auf Grund eines Auslandsaufenthaltes nicht anwesend sein kann, für sein Engagement und seine erfolgreichen Bemühungen bedanken. Daneben möchten wir uns auch heute wieder ganz besonders bei unseren Mitgliedern für ihre Unterstützung bedanken: allein die Tatsache, daß Büromiete, Fax, Telefon und Reisekosten mit diesen Beiträgen gedeckt waren, bedeutet nicht nur eine wichtige finanzielle Absicherung, sondern auch eine wertvolle Anerkennung unserer Arbeit. Auch den Exilanten gegenüber ist die Tatsache, daß hier ein privater Verein von vielen Mitgliedern getragen wird, ein wichtiges Signal. Wir bitten Sie daher, uns zu helfen, den Orpheus Trust auch weiter in Ihrem beruflichen Umfeld und Bekanntenkreis bekannt zu machen.
Wir erwarten daneben, dass nun auch die österreichischen Subventionsgeber aktiv werden, da nicht einzusehen ist, dass unsere Arbeit ausschließlich von ausländischer und privater Seite finanziert wird bzw. unentgeltlich geleistet wird.

Die Veranstaltungstätigkeit wird heuer wahrscheinlich weiter reduziert werden müssen: wurden 1999 nur 20 Veranstaltungen durchgeführt, so hat die dazu erforderliche Vorarbeit, die Organisation, PR-Begleitung und Dokumentation unendlich viel Zeit gekostet, die nicht weiter auf dem Rücken einer Person ruhen darf. Von den 20 geplanten Veranstaltungen werden nach bisherigem Stand nur 10, darunter einige, die dem Orpheus Trust keine zusätzlichen direkten Kosten bringen, sondern nur unsere Beratung oder Vermittlungsdienste erfordern, durchgeführt werden können.
Die Eingabe in die Datenbank, die zur Konzipierung und Begleitung der Veranstaltungen, aber auch für die laufende Vermittlungsarbeit notwendig ist, kann nicht unbezahlt und nebenbei (also in durchgearbeiteten Nächten) erfolgen. Da einem diesbezüglichen Ansuchen beim Kulturamt der Stadt Wien nur teilweise, beim Bund gar nicht entsprochen wurde, werden in Zukunft verstärkte Aktio-nen notwendig sein, um die Öffentlichkeit auf diese Missstände aufmerksam zu machen.

Nach fast vier Jahren ist nun die Aufbauphase abgeschlossen, die Ergebnisse unserer Arbeit können sich, auch international, sehen lassen. Die Gepflogenheit, es bei Lobesworten und Zustimmungskundgebungen zu belassen, reicht nun nicht mehr. Wir fordern eine sichtbare Anerkennung des wichtigen Stellenwertes, der unserer Arbeit in diesem Land und in dieser Stadt zukommt.

Wien, am 23. Februar 2001
Primavera Gruber