Tätigkeitsbericht 2004


Tätigkeitsbericht Orpheus Trust Vereinsjahr 2004

• Der Orpheus Trust verfügt über die weltweit größte Sammlung an Informationen zu vom NS-Regime verfolgten und vertriebenen Musikschaffenden mit Bezug zu Österreich.
• Zu Jahresende waren in der biografischen Datenbank des Orpheus Trust Informationen zu 4.609 dieser Musikschaffenden vorhanden (Stand Jahresbeginn 4.549), in der darauf aufbauenden Datenbank des FWF-Forschungsprojekts 'Verfolgte Musik' befinden sich heute Informationen zu 5.377 Personen.
• Die Werkdatenbank enthielt Ende 2004 11.632 Werke verfolgter und vertriebener KomponistInnen, die Interpretendatenbank 1.305 Einträge. (Datenbanken Forschungsprojekt: 12.138 Werke, 1775 Einträge Interpretendatenbank).
• Die Zahl der 'oral history'-Interviews hat sich auf 250 erhöht.
• Die Handbibliothek umfasst derzeit 503 Bücher, 175 Artikel und 3 abonnierte Zeitschriften, das Notenarchiv des Orpheus Trust 1.277 Kompositionen. Im Archiv befinden sich außerdem 550 CDs, 235 Tonbandkassetten, 80 Videokassetten sowie Dokumente, Fotos und andere Materialien zu ca. 3.000 Musikschaffenden.
• Der Orpheus Trust erhielt 2004 den musikalischen Nachlass von Erwin Weiss sowie Teilnachlässe von Kurt List und Oskar Karlweis.
• Ein neuer Folder mit Abbildungen und Kurzbiografien von 18 noch lebenden vertriebenen Musikschaffenden wurde produziert, es wurde ein ausführlicher Bericht über die Aktivitäten im Jahr 2004 erstellt und die Homepage wurde ergänzt.
• Das seit vielen Jahren aus Finanznöten verschobene Frankreich-Festival konnte im November 2004 endlich starten. Die Angehörigen von Paul Arma, Joseph Beer, Max Deutsch und Norbert Glanzberg stellten dem Orpheus Trust großzügig Materialien zur Verfügung. In 10 Veranstaltungen wurde die Öffentlichkeit im Jahr 2004 mit Leben und Werk von über 100 verfolgten Musikschaffenden bekannt gemacht.
• Über 300 Anfragen an Datenbank und Archiv wurden beantwortet.
• Der mit Unterstützung des Fritz Spielmann Fonds zustande gekommene Film 'In der Fremde zu Haus' von Hubert Canaval erlebte seine Premiere bei der 'diagonale' in Graz und wurde u.a. in Israel und bei der Jüdischen Filmwoche in Wien gezeigt.
• Anfang 2005 hatte der Verein trotz Ausschluss von Mitgliedern, die bereits seit mehreren Jahren keine Mitgliedsbeiträge gezahlt hatten, 535 (Beginn 2004: 503) ordentliche und außerordentliche Mitglieder. Der Mitgliedsbeitrag wurde auf EUR 25,– (Studenten, Senioren EUR 10,-) erhöht. Mit den Mitgliedsbeiträgen und Spenden in Höhe von ca. EUR 20.000,– konnten 12,5 % der Gesamtausgaben abgedeckt werden.

Leider sind auch im Jahr 2004 wieder einige Exilanten verstorben, darunter unser
Gründungsmitglied Erwin Weiss, Paul Philipp, Paul Hamburger, Vilém Tausky, Nicholas
Goldschmidt und Kantor Leo Roth. Mit Paul Hamburger und Vilém Tausky konnten im Vorjahr
in London noch 'oral history'-Interviews geführt werden.

1. Forschung und Dokumentation
Datenbank, Archiv
Im Jahr 2004 hat sich die Forschung vor allem auf das Forschungsprojekt konzentriert. Trotzdem hat auch der Umfang der Datenbanken des Orpheus Trust beträchtlich zugenommen. Unsere ehrenamtliche Mitarbeiterin Frau Dr. Anneliese Harasek hat dazu einen großen Beitrag geleistet. Primavera Gruber hat im Jahr 2004 in17 Interviewsitzungen mit Ilse Aichinger, Sara Bodankin, Laszlo Szelényi, Walter Unterberg, Susi Lansky-Fischer, Hermine Matousek, Frank H. Morini, Gerhard Bronner, Eric Sander, Bruno Schwebel, Anne Mertin und Elisabeth Bruck 'oral history'-Interviews geführt. Frühere Interviews wurden transkribiert und den Interviewpartnern zur Autorisation übergeben, die Informationen in die Datenbanken eingegeben.
Mit 'Paul Arma. Mouvement dans le Mouvement' hat der Orpheus Trust ein Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Künstlerhaus herausgegeben. Das Buch enthält ein komplettes Werkverzeichnis der Kompositionen von Paul Arma.


Zum musikalischen Nachlass von Kurt List erhielt der Orpheus Trust die kompletten Jahrgänge
der Zeitschrift 'Listen', ein weiterer Teilnachlass des Sängers Oskar Karlweis wurde von
Dr. Hans Mühlbacher übergeben. Nach dem überraschenden Hinscheiden von Prof.
Erwin Weiss hat seine Tochter Elisabeth dem Orpheus Trust seinen musikalischen Nachlass
anvertraut.
Fritz Spielmann Fonds
Ein Ansuchen an den mit Mitteln der Erben Fritz Spielmanns, Moshe H. Jahoda und Walter Mark Gregory und des Kulturamtes der Stadt Wien gegründete Fonds von Verona Forster für eine Forschungsarbeit zu Willy Rosen in Wien wurde positiv beantwortet.

2. Informationsvermittlung und Beratung
Über 300 Anfragen von Exilforschern, wissenschaftlichen Institutionen, Musikveranstaltern, Interpreten, anderen Interessenten und Medien nach Informationen und Datenbankausdrucken wurden vom Orpheus Trust beantwortet. 550 Veranstalter im deutschsprachigen Raum erhielten das jährliche 'Veranstaltermailing' mit Namen von über 400 Dirigenten, Solisten und Ensembles, die Werke von 'Exilkomponisten' im Repertoire haben und mit dem Orpheus Trust in Verbindung getreten sind. Gerhard Scheit hat das dritte Jahr das Orpheus-Supplement der 'Zwischenwelt', 'Orpheus in der Zwischenwelt', betreut.
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3. Veranstaltungstätigkeit
Da die Jahressubvention für den Orpheus Trust wiederum nur ein Drittel der benötigten Summe betrug, wurden im ersten Halbjahr keine Eigenproduktionen realisiert. Im Herbst präsentierte der Orpheus Trust die Preisträger des internationalen Wettbewerbs 'Verfemte Musik' am Konservatorium Schwerin im Bösendorfer-Saal. Im November ging die erfolgreiche Konzertreihe 'Mit leichtem Gepäck. Gerhard Bronner präsentiert junge Stars mit vergessener Musik' in die dritte Runde. Am Ende der Saison 2004/2005 soll eine CD 'Mit leichtem Gepäck' entstehen. Am 28. November wurde mit einem Festkonzert im Wiener Konzerthaus das Frankreich-Festival 'Douce France?' in Anwesenheit von Serge Glanzberg eröffnet, anschließend fand im Künstlerhaus die Paul Arma-Ausstellung statt. Zum dritten Mal bereits fand in Kooperation mit Kulturinstitutionen des 7. Bezirks die Adventwanderung 'Alles Gute. Ein Umgang' statt, zu welcher der Orpheus Trust mit Georg Wacks eine Preview auf das Exilkabarettprogramm 'Vienne à Paris' beisteuerte.

4. Zur finanziellen Situation (siehe auch Jahresabrechnung 2004)
Auf Grund der bedrohlichen Finanzlage (bka.Kunst genehmigte mit EUR 27.000,– wiederum nur 20 % des Subventionsansuchens für 2004, die MA 7 der Stadt Wien mit EUR 73.000,– nur
50 %) sah sich der Verein gezwungen, im ersten Halbjahr alle Veranstaltungen zu streichen und sich auch im zweiten Halbjahr auf einige große Projekte zu beschränken. Die Ansuchen um eine Subventionserhöhung beim Bund und bei der Stadt Wien verliefen trotz intensiver Bemühungen und der über 800 Unterstützungserklärungen aus aller Welt erfolglos. Eine EU-Förderung kam auf Grund der fehlenden Kofinanzierungszusagen von Bund und Stadt Wien ebenfalls nicht zustande. Als Sponsor für den neuen Folder konnten wir den SKE-Fonds und die Bank Austria gewinnen, die professionelle Sponsorensuche für das Frankreich-Festival 'Douce France?' durch Agnes Fellner war leider nicht von Erfolg gekrönt. Das Festival wurde aber vom Nationalfonds mit einer großzügigen Unterstützung in Höhe von EUR 25.000,– gefördert, Bundespräsident Dr. Heinz Fischer übernahm dankenswerterweise den Ehrenschutz und auch dem BM für auswärtige Angelegenheiten danken wir für die freundliche Unterstützung.

Mit dem großen Projekt 'Douce France?' haben wir bewusst noch einmal ein Glanzlicht gesetzt. Wir verdanken die Realisierung unseren Mitveranstaltern, den Unterstützern, Mitgliedern, Spendern und Volontären. Falls sich keine ausreichende Förderung für eine Basisstruktur findet, wird der Orpheus Trust seine Aktivitäten noch vor Erreichen des Zehnjahresjubiläums im Jahr 2006 einstellen müssen.

Primavera Gruber, 10. März 2005