Tätigkeitsbericht 2003


Tätigkeitsbericht Orpheus Trust Vereinsjahr 2003

Dem Verein Orpheus Trust wurde in diesem Jahr mit der Überreichung eines Preises aus der
Dr.-Karl-Renner-Stiftung als Anerkennung seiner Aktivitäten im Jahr 2001 große Ehre zuteil. Trotzdem blieb eine ausreichende Subvention des Vereins seitens der öffentlichen Hand weiterhin aus, und zumal zeitlich limitierte Förderungen mit dem Jahr 2002 ausliefen, geriet der Orpheus Trust in eine bedrohliche Finanzlage: Nach einem höchst erfolgreichen Veranstaltungsfrühling mußte das Herbstprogramm stark reduziert und eine Mitarbeiterin gekündigt werden. Unserem Aufruf zur Unterstützung kamen über 700 Personen aus dem In- und Ausland mit ihrer Unterschrift nach – wir verstehen dieses Vertrauen auch als Auftrag, unsere Arbeit fortzuführen.
Im Jahr 2003 verstarben nicht nur unsere Mitglieder Maestro Leo Mueller, Prof. Marcel Prawy und Univ.Prof. Dr. Armin Wallas, auch das Ableben der Exilanten Georg Knepler, Paul Philipp, Walter Taussig, Kurt Pahlen und Kantor Josef Feuer bedauern wir zutiefst.

o Der Orpheus Trust verfügt über die weltweit größte Sammlung an Informationen zu vom NS-Regime verfolgten und vertriebenen Musikschaffenden mit Bezug zu Österreich und hat sich als einzige Institution Österreichs in den vergangenen acht Jahren kontinuierlich und ausschließlich um die Wiederbelebung der vom NS-Regime verfolgten Musik bemüht.
o Zu Jahresende waren in der biographischen Datenbank des Orpheus Trust Informationen zu 4.570 dieser Musikschaffenden vorhanden (Stand Jahresanfang 4.549), in der darauf aufbauenden Datenbank des FWF-Forschungsprojekts 'Verfolgte Musik' befinden sich heute Informationen zu 5031 Personen.
o Die Werkdatenbank enthielt Ende 2003 10.509 Werke verfolgter und vertriebener KomponistInnen (zu Jahresbeginn 8.870), die Interpretendatenbank 1213 Einträge.
o Die Zahl der 'oral history'-Interviews, die sich in unserem Archiv befinden, hat sich auf 213 erhöht.
o Die Handbibliothek umfaßt derzeit 388 Bücher, 154 Artikel und 3 Zeitschriften-abonnements, das Notenarchiv des Orpheus Trust 981 Kompositionen.
o Der Orpheus Trust erhielt von Frau Ursula Franz den letzten Teil des musikalischen Nachlaß des Komponisten, Musikologen und Musikproduzenten Kurt List (in Ergänzung zur Nachlaßübergabe 2002); weiters erhielt der Verein von Dr. Hans Mühlbacher einen Teilnachlaß des Sängers und Schauspielers Oskar Karlweis.
o In 23 Veranstaltungen wurde die Öffentlichkeit im Jahr 2003 mit Leben und Werk von über 40 verfolgten Musikschaffenden bekanntgemacht.
o Über 300 Anfragen an Datenbank und Archiv wurden beantwortet.
o Der Fritz Spielmann Fonds vergab im vergangenen Jahr ein Projektstipendium für einen Film von Hubert Canaval zu Exilanten in Mexiko.
o Anfang 2004 hatte der Verein 503 (Anfang 2003: 440) ordentliche und außerordentliche Mitglieder. Die MItgliedsbeiträge und Spenden erreichten über EUR 21.500,--, somit 20% der Subventionssumme. Insgesamt hat der Verein ein Drittel der Ausgaben durch Eigenfinanzierung aufgebracht.

1. Forschung und Dokumentation
Datenbank, Archiv
Nicht nur die Recherchen im Zuge von Konzertvorbereitungen haben eine Fülle von neuen Informationen ergeben, auch der engagierten Arbeit unserer ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen Lisa Farthofer und Dr. Anneliese Harasek verdanken wir umfangreiche Zusatzinformationen. So wurde mit der Abgleichung der Datenbank mit der Deportations-datenbank des DÖW angefangen und wurden die Ergebnisse regelmäßiger Anfragen beim Meldearchiv der Stadt Wien, im Archiv der IKG und im Staatsarchiv in die Datenbanken eingegeben. Wir freuen uns über die große Hilfsbereitschaft, die uns entgegen gebracht wird. Zu 102 Musikschaffenden wurden Kurzbiographien erstellt.
Primavera Gruber hat im Jahr 2003 13 'oral-history'-Interviews (mit Giora Bernstein, Hedwig Feierl-Lourié, Frank Morini, Suzanne Rozsa-Lovett, Michael Graubart, Paul Hamburger, Vilém Tausky, Hedi Simon-Stadlen, Elisabeth Heimler, Alice Herz-Sommer, Erika Fox, John W. Waxman und Israel Hadar) geführt. Frühere Interviews wurden transkribiert und den Interviewpartnern zur Autorisation übergeben, die Informationen in die Datenbanken eingegeben.
Der musikalische Nachlaß des Webern-Schülers Kurt List befindet sich nun zur Gänze in unserem Archiv. Der Nachlaß von Kammersänger Franz Steiner wurde inventarisiert. Von
Dr. Hans Mühlbacher erhielten wir über Vermittlung von Prof. Rudolf Gelbard einen Teilnachlaß des Sängers Oskar Karlweis.
Mit 'Give them Music. Musiktherapie im Exil am Beispiel von Vally Weigl' (Hg. Elena Fitzthum & Primavera Gruber) erschienen die Beiträge zum ersten Symposion, das sich mit einer Musikerin im Exil befaßte, ergänzt um ein Werkverzeichnis und einer Auswahl ihrer Schriften, in Druck.
Fritz Spielmann Fonds
Der mit Mitteln der Erben Fritz Spielmanns, Moshe H. Jahoda und Walter Mark Gregory und des Kulturamtes der Stadt Wien gegründete, im Jahr 2000 mit Hilfe der Ronald S. Lauder Foundation aufgestockte Fonds vergab im Jahr 2003 eine Projekt-förderung an Hubert Canaval für einen Film über Exilanten in Mexiko (EUR 1.000,-).

2. Informationsvermittlung und Beratung.
550 Veranstalter im deutschsprachigen Raum erhielten das jährliche 'Veranstaltermailing', mit Namen von über 300 Dirigenten, Solisten und Ensembles, die Werke von 'Exilkomponisten' im Repertoire haben und mit dem Orpheus Trust in Verbindung getreten sind. In drei Buchbeiträgen von Primavera Gruber, die 2003 erschienen sind, wurde die Öffentlichkeit über den Orpheus Trust und über mehr als 100 NS-verfolgte Musikschaffende - oft erstmals - informiert. Im Orpheus-Supplement der 'Zwischenwelt 'Orpheus in der Zwischenwelt' unter der Redaktion von Gerhard Scheit erschienen u.a. ein Georg Knepler-Dossier sowie Artikel zu Guido Adler, Leo Müller und Leo Strauss von Gerhard Scheit, Herta Blaukopf und Ruth Müller.
Über 300 Anfragen von Exilforschern, wissenschaftlichen Institutionen, Musikveranstaltern, Interpreten, anderen Interessenten und Medien um Informationen und Datenbankausdrucke konnten beantwortet werden.

3. Koproduktionen und Eigenveranstaltungen (Auswahl)
Die Konzertreihe 'Mit leichtem Gepäck. Gerhard Bronner präsentiert junge Stars mit vergessener Musik' war so erfolgreich, daß sie 2003 mit drei ausverkauften Konzerten in das RadioKulturhaus übersiedelte. Gerhard Bronner war auch der Moderator der Filmarchiv-Reihe 'Kino vor dem KZ' im Wiener Metro-Kino in Kooperation mit dem Verein Orpheus Trust. Ein Debut erlebte er als Zeitzeuge an der Wiener Pädagogischen Akademie des Bundes und an zwei Pädagogischen Akademien in Graz über Vermittlung von Dr. Anneliese Harasek.
Mit einer Gedenktafel am Wohnhaus Richard Stöhrs wurde eines großen Pädagogen gedacht, das Egon Wellesz Quartett spielte Teile seines Streichquartetts d-moll.
Mit einer anderen großen Pädagogin, der Pianistin und Theresienstadt-Überlebenden Edith Kraus, die im Alter von 90 Jahren ihre Geburtsstadt Wien erstmals wieder besuchte, konnte der Orpheus Trust in Kooperation mit dem Institut Ludwig van Beethoven der Wiener Musikuniversität eine Meisterklasse organisieren, die ihren Abschluß in einem Konzert im RadioKulturhaus fand. Vorträge und Gespräche ergänzten das Programm.
Zum zweiten Mal fand in Kooperation mit Kulturinstitutionen des 7. Bezirks die Adventwanderung 'Alles Gute. Ein Umgang' statt, zu der Orpheus Trust mit 'Lebe Wohl. Gute Reise' Hits der Comedian Harmonist, interpretiert von den Vienna Harmonists, beisteuerte.

4. Zur finanziellen Situation (siehe auch Jahresabrechnung 2003)
Die bedrückende Subventionslage (bka.Kunst genehmigte mit EUR 27.000,--(inkl. Nachsubvention im November 2003) nur 20% des Subventionsansuchens für 2003, die MA 7 der Stadt Wien mit EUR 73.000,-- 50%) führte dazu, daß zum dritten Mal das geplante 'Frankreich-Festival' verschoben, eine Mitarbeiterin gekündigt sowie die Herbstveranstaltungen und die Forschung auf kleinste Sparflamme reduziert werden mußten. Das Arbeitsteam besteht jetzt aus 2 Halbtagsangestellten und einer 12 Wochenstunden-Mitarbeiterin. Im Herbst wurde ein Unterstützungsaufruf ausgeschickt, der von über 700 Exilanten, Exilforschern, Musikern und anderen Personen im In- und Ausland unterschrieben wurde - trotz der positiven Reaktionen von Kunststaatssekretär Morak und vom Außenministerium und der beeindruckenden privaten Spendentätigkeit entstand ein Liquiditätsengpaß, der nur mit einem Darlehen des Fritz Spielmann Fonds überbrückt werden konnte. Die üppigen Überstunden von Primavera Gruber konnten nicht in Rechnung gestellt werden.
Die erfolgreiche inhaltliche Leistungsbilanz des Jahres 2003 verdanken wir unseren Mitgliedern, Spendern und Volontären, die ein Weiterfunktionieren ermöglicht haben.
Wir appellieren aber nochmals eindringlich an die österreichische Kulturpolitik, sich nicht als 'Totengräber des Orpheus Trust' zu verewigen, sondern das drohende 'Aus' zu verhindern.

Primavera Gruber, 29. Januar 2004